Ernst Christoph Suttner: Das Unionsverständnis in den Anweisungen aus Rom von 1669 und jenes bei Kardinal Kollonitz

Ernst Christoph Suttner

Das Unionsverständnis in den Anweisungen aus Rom von 1669 und jenes bei Kardinal Kollonitz

 

1) Die römische Kongregation für die Glaubensverbreitung hatte den Missionaren im christlichen Osten, auch den Jesuiten, die mit der Armee des Habsburgerreichs als Militärseelsorger nach Siebenbürgen kamen, durch Dokumente aus dem Jahr 1669[fn]Die Dokumente sind zu finden bei N. Nilles, Symbolae ad illustrandam historiam ecclesiae orientalis in terris coronae S. Stephani, Innsbruck 1885, S. 111-114 und 121.[/fn] aufgetragen, bei den östlichen Christen ihres Wirkungsbereichs um Zustimmung zu den theologischen Übereinkünften des Florentiner Konzils zu werben und auf deren Union mit der Kirche von Rom hinzuarbeiten. Dabei sollten sie gut unterscheiden zwischen dem, was den Glauben betrifft, und den kirchlichen Riten. Alle Glieder der Kirche, hieß es, müssen durch das Bekenntnis des einen Glaubens verbunden sein; die disziplinären Gesetze können hingegen verschieden sein, denn Verschiedenheit der Riten kann mit der Glaubenseinheit harmonieren. Die Missionare sollen daher den östlichen Christen, die zur Einheit der Kirche finden, darlegen, dass die Riten ihrer Kirche von der römischen Kirche nicht nur nicht getadelt oder abgeändert werden, sondern von ihr im Gegenteil geachtet und empfohlen sind. Sie sollen Sorge tragen, dass Orientalen, die eine Union abschließen, die Fastenzeiten ihres Ritus, die Feste, das Brauchtum, die Zeremonien, die Gebete, die Werke der Frömmigkeit, mit einem Wort alles, was zur Vollständigkeit ihres Ritus gehört, getreu bewahren.

Von Rom her waren die Jesuiten also beauftragt, nach einer Union im Geist des Florentiner Konzils zu streben, das die Traditionen der Lateiner und der Griechen als gleichermaßen rechtgläubig eingestuft und für die Vereinigung von keiner der Partnerkirchen Änderungen eingefordert hatte. Nur wechselseitige Verurteilungen hatten zu unterbleiben. Auf dasselbe Minimum an Forderungen beschränkten sich auch die römischen Dokumente, indem sie als Unionsbedingung in einem leider recht unklug als Abschwörung formulierten Text von den Unionswilligen nur das Unterlassen der üblichen Aburteilungen lateinischer Überlieferungen verlangten: "Die dogmatischen Irrtümer, die die Griechen bei der Rückkehr zur katholischen Kirche durch ein ausdrückliches Glaubensbekenntnis verwerfen müssen, sind: 1) der Römische Bischof ist nicht das Oberhaupt der gesamten, über den Erdkreis verbreiteten Kirche; 2) das ungesäuerte Brot ist keine zulässige Materie für das Sakrament der Eucharistie; 3) außer dem Himmel, dem Ort der Seligen, und der Hölle, dem Gefängnis der Verdammten, gibt es keinen dritten Ort, in welchem die noch nicht gereinigten Seelen festgehalten und gereinigt werden; 4) der Heilige Geist, die dritte Person in der Trinität, geht nicht vom Vater und vom Sohn zugleich aus."[fn]Nilles, Symbolae S. 121[/fn]

Staatlicherseits waren die Jesuiten außerdem befugt, den Rumänen für den Fall einer Union mit der lateinischen Kirche jene Rechte zu versprechen, die im Habsburgerreich den Angehörigen der Kirche des Herrscherhauses zukamen. Der faktische Leiter der Kirche Ungarns und ab 1695 auch ungarischer Primas, Kardinal Kollonitz, gab ihnen ein Diplom Kaiser Leopolds vom August 1692 über die rechtliche Gleichstellung des Klerus der Unierten mit jenem der lateinischen Katholiken in den ungarischen Komitaten mit auf den Weg. Sich auf die Autorität des Kardinals stützend, konnten sie ihren rumänischen Verhandlungspartnern in Aussicht stellen, dass das Diplom auch in Siebenbürgen Anwendung finden werde; dass sich die bislang rechtlosen Rumänen durch eine Union mit der Kirche des Herrscherhauses mit kaiserlicher Zustimmung aus ihrer bisherigen Lage erheben können, in der sie weder eine anerkannte Nation waren, noch eine rezipierte Religion besaßen, und dass sie mit römischer Zustimmung dabei ihre angestammte Identität als östliche Christen (ihre "lege strămoşeas­că"[fn]Vgl. Suttner, Legea strămoşească: Glaubensordnung und Garantie des sozialen Zusammenhalts, in: OstkSt 56(2007) 138-154.[/fn]) voll wahren dürfen.

Wie die auf uns gekommenen Dokumente über die Verhandlungen der Jesuiten mit dem rumänischen Bischof und seiner Synode[fn]Vgl. Nilles, Symbolae S. 164-171 und 202-211; (bezüglich der Diskussion über die Authentizität des ersteren der beiden Quellentexte vgl. L. Stanciu, Rediscutarea unei controverse, in: Annales Univ. Apulensis, Ser. Hist. 9/II,2005,39-45).[/fn] belegen, waren die Jesuiten in den 90er Jahren des 17. Jahrhunderts in der Tat darauf bedacht, die Rumänen gemäß den ihnen erteilten Instruktionen aus Rom und aus dem Habsburgerreich für die Annullierung des Schismas zu gewinnen, und zwar unter voller Wahrung der rumänischen Überlieferungen und in Erwartung sozialer Verbesserungen. Die kommunitäre Vereinigung der rumänischen Kirche Siebenbürgens mit der römischen Kirche, die sie und die rumänische Kirchenleitung erstrebten, konnte in diesen Beratungen jedoch nur vorbereitet werden; herbeizuführen war sie durch ein Übereinkommen, das die rumänische Kirchenleitung direkt mit den Autoritäten der lateinischen Kirche zu schließen hatte.

 

2) Der letzte Schritt zur Union hatte 1701 in Wien vor dem ungarischen Primas Leopold Kard. Kollonitz zu geschehen. Doch der Kardinal vertrat ein anderes Unionsverständnis als die römischen Instruktionen für die Missionare im Osten. Er wollte das kirchliche Leben der Rumänen so umgestalten, dass es voll und ganz hineinpasste in die lateinische Kirche des anbrechenden 18. Jahrhunderts. Atanasie wurde in Wien wie vor seiner Weihe in der Walachei einer ausführlichen Belehrung über das Glaubens­erbe unterzogen. Wie es in Bukarest vor der Bischofsweihe Patriarch Dositheos hinsichtlich der griechischen kirchlichen Überlieferungen tat[fn]Elemen­tare Gegebenheiten der grie­chischen Kirchen­tradition mussten ihm dabei einge­schärft werden, wie die schriftlichen Anweisungen bezeugen, die ihm aus Bukarest mitgegeben wurden und die ein Hohn für einen Bischofskandidaten gewesen wären, wenn das Glaubensle­ben seiner Diözese und vielleicht auch die persönlichen Überzeugungen des Kandidaten nicht schwerer Kritik hätte unterzogen werden müssen. Der Text der Anweisung auf Rumänisch in: Biserica Ortodoxă Română 8(1884)714-721, in deutscher Übersetzung bei A. Schaguna, Ge­schichte der grie­chisch-orien­talischen Kirche in Österreich, Hermannstadt 1862, S. 73-82.[/fn], so belehrte ihn in Wien Kardinal Kollonitz über das nachtridentinische Glaubensleben der lateinischen Kirche.[fn]Kollonitz hatte sich zwei umfangreiche Listen von „Irrtümern der griechischen Schismatiker“ zusammenstellen lassen, die weitab lagen von den theologischen Resultaten von Florenz und von den römischen Dokumenten von 1669, vgl. Nil­les, Symbolae, S. 118-121.[/fn] Auch diesmal wurde - wie ehemals in der Walachei - der Inhalt der Belehrung schriftlich niedergelegt[fn]Die Fundorte für die Anweisungen aus Bukarest waren eben benannt; der volle Text, auf den Atanasie in Wien verpflichtet wurde, bei Nil­les, Symbolae, S. 281-287.[/fn], und in beiden Fällen musste Atanasie das Aufgezeichnete unter Eid bestätigen. Kollonitz verlangte vom Bischof und von jedem einzelnen Kleriker des rumänischen Bistums das tridentinische Glaubensbekenntnis mit filioque, purgatorium und zahlreichen Klarstellungen zu rein innerabendländischen theologischen Fragestellungen, und er verpflichtete die Rumänen, den Katechismus des Petrus Canisius zu übernehmen, den er zu Beginn des 18. Jahrhunderts, in rumänischer Übersetzung unentgeltlich ver­breiten ließ.[fn]Die rumänische Edition des Katechismus von Peter Canisius, deren Drucklegung Kardinal Kollonitz veranlasste: Catechismus, Szau Summá Krédincéi Katholicsésti R.P. Petri Canisii [..]., Cluj 1703.[/fn] Auch musste Atanasie in seinem Wiener Eid versprechen, alle Irrtümer auszumerzen, die "in den mehreren Jahrhunderten, in denen wir ohne das Haupt der Kirche waren und unter dem türkischen Joch stöhnten, gegen die Konzilien und Kanones der Universalkirche[fn]„Irrtümer gegen die Konzilien und Kanones der Universalkirche aus der Zeit ohne das Haupt der Kirche“ kannte das Dekret des Florentinums nicht.[/fn] auftauchten", und er musste versichern, "mit väterlichem und aufgeschlossenem Geist" einen ihm an die Seite gestellten lateinischen Theologen und Ratgeber anzunehmen,[fn]Zur Funktion dieses "Theologen" vgl. B. Bărbat, L'institution de l'office du "théologien" dans l'Eglise Roumaine Unie, in: OrientChristPeriod 29(1963)155-200 (= Exzerpt aus der Dissertation des Autors, die in voller Länge in der Bibliothek des Pont. Inst. Orientale eingesehen werden kann).[/fn] "ohne dessen Zugegensein ich keine Synoden feiern und keine Visitationen von Kirchen oder Pfarreien durchführen werde, und ohne dessen Zustimmung ich niemanden exkommunizieren oder Scheidungen aus­sprechen oder einen Laien oder einen Kleriker bestrafen werde, niemanden weihen und keinen zur Würde eines Protopopen erheben werde ... und dass ich schlussendlich in allen kirchlichen Angelegenheiten die heilsamen Ratschläge meines Theologen und Ratgebers annehmen und ihnen folgen werde".[fn]Z. Pâclişanu, Istoria Bisercii Române Unite, Târgu-Lăpuş, 2006, S. 146, fasst das, was man Atanasie auferlegte, wie folgt zusammen: „Der erste unierte Bischof war, wie wir sehen, eine rein repräsentative und dekorative Figur, ohne jegliche wirkliche Gewalt und ohne Initiative.“[/fn] Dass jener "Theologe und Ratgeber" stets so entscheiden wird, wie es ihm seine abendländische Herkunft und nachtridentinische theologische Ausbildung eingeben werden, war durch Kardinal Kollonitz gewünscht. So machte er die Zusicherung zunichte, die den Rumänen im römischen Auftrag während der Unionsvorbereitung gegeben worden war, dass ihre Tradition in der Union unverändert bleibe. Außerdem dokumentierte er, dass ihm die ekklesiale Würde der Rumänen Siebenbürgens zweifelhaft war, indem er Atanasie "sub conditione" zum Priester und zum Bischof wiederweihte.[fn]Zur Neugestaltung der Unionsidee durch Kollonitz vgl. Suttner, Das Abrücken von der Ekklesiologie des Florentiner Konzils bei der ruthenischen Union von 1595/96 und bei der rumänischen Union von 1701, in: Annales Universitatis Apulensis (Ser. Hist.) 9/II, Alba Iulia 2005, S. 135-145.[/fn]

Ein leopoldinisches Diplom vom April 1698, das auf Drängen der Siebenbürgener Stände erging, hatte es den Rumänen freigestellt, wenn sie es wünschten, mit einer jeden von den vier rezipierten Religionen des Landes eine „Union“ einzugehen. Die bürgerlichen Freiheiten der Angehörigen der Religion ihrer Wahl sollten ihnen dann zukommen. Wünschten sie aber keine solche „Union“, solle ihr bisheriger rechtlicher Status beibehalten bleiben. „Unionen“ dieser Art gehen nicht aus der Annullierung eines bestehenden Schismas durch die Kirchenleitungen hervor, sondern aus individuellen Beitrittserklärungen durch die einzelnen Gläubigen. Um die Anzahl der künftigen Unierten mit der katholischen Kirche möglichst klein zu halten und „Unionen“ mit den anderen rezipierten  Religionen zu fördern, versuchte man in Siebenbürgen aufgrund dieses Diploms, eine Praxis zu etablieren, die einen tiefen Gegensatz mit sich gebracht hätte zwischen einem theologisch verantwortbaren Verständnis und einer rein staatspolitischen Interpretation des Wortes „Union“. Einige rumänische Pfarreien unterstellten sich - auf das Diplom gestützt und ohne irgendwelche the­ologische Konsequenzen, vielmehr unter Beibehalt aller Überlieferungen ihres Ritus (NB! auch jener Überlieferungen, die von den kalvinischen Fürsten jahrzehntelang verboten worden waren!) - formal der kalvinischen Kirchenbehörde und entzogen sich der Jurisdiktion Atanasies. Dieser wandte sich an Kardinal Kollonitz,[fn]Nilles, Symbolae, S. 221.[/fn] und auf Anregung des Kardinals wurden in Art. 11 des leopoldinischen Diploms vom März 1701 theologische Bedingungen benannt, die bei einer Union erfüllt sein müssen, damit die versprochenen bürgerlichen Auswirkungen eintreten. Für eine Union von Gläubigen griechischer Tradition mit der römischen Kirche wurden darin auch ausdrücklich vier Bedingungen angeführt, welche die vier Punkte, die in den römischen Dokumenten von 1669 aufgeführt worden waren als Themen, zu denen die Unierten keine Aburteilungen der Lateiner vorbringen dürfen, zu Artikeln des Glaubensbekenntnisses der Unierten umformten.[fn]Der Text des Diploms bei Nilles, Symbolae, S. 292-301. Dass Kollonitz hinter der Aufnahme der Bedingungen in das Diplom stand, ergibt sich aus der Aufzeichnung von seinem Gespräch mit Atanasie bei Nilles, Symbolae, S. 274-279, inbesondere aus dessen Punkt VII.[/fn] Man meinte, damit auf das Konzil von Florenz zurückzugreifen, missverstand dieses aber schwer. Denn das Konzil hatte die Gleichberechtigung der griechischen und der lateinischen traditionellen Aussagen für das apostolische Glaubenserbe anerkannt; doch im leopoldinischen Diplom wird die Übernahme der jeweils lateinischen Formel zu den „vier Florentiner Punkten“ zur Unionsbedingung erklärt. Auf diese Weise wurde die in der rumänischen Literatur oft begegnende Formel geboren, dass es Bedingung sei für eine jede Union von Orientalen mit Rom, „die Florentiner Punkte zu übernehmen“ – eine widersinnige Formel, die den wirklichen Resultaten der Florentiner Beratungen diametral entgegensteht.

 

 

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